Advaita - die Lehre der Nondualität

Im Empfinden, eine Person zu sein, befinden wir uns in einem konstanten inneren Dialog. Selten sind wir uns dessen bewusst: Das innerliche Gespaltensein ist sich so selbstverständlich wie das Auge, was sich nicht zu sehen vermag.

Advaita weist auf die Eine Ewigkeit, welche durch die Augen eines Leoparden schaut.

Durch deine Augen schaut die Ewigkeit. Was sonst?

Normalerweise sehen und behandeln wir uns so wie wir es durch unsere Eltern erfahren haben: uns auf die altvertraute Art wahrzunehmen schenkt uns vermeintliche Sicherheit.

Solange ich gemäß meiner gefühlten Erfahrungen reagiere, bin ich darin gefangen. Wirkliches, offenes Begegnen unterbleibt. Die ersten eindrücklichen Situationen bestimmen die Dynamik der nachfolgenden. Bspw. wird angesichts einer Frau die Schublade "Mutter" gezogen und ich erfahre sie durch den Inhalt von Schublade "Mutter" schauend. Möglicherweise schaue ich sie auf eine idealisierende oder rebellierende Weise, aber jedenfalls befinde ich mich in Reaktion auf die erste Frau in meinem irdischen Sein und nicht auf mein jetziges Gegenüber. Echtes Begegnen findet nicht statt.

Wirkliches Begegnen bedeutet: Ich begegne mir selbst, denn es gibt nur ein Ich. Advaita lehrt diese unverbrüchliche Wahrheit.

Jeder sagt: „Ich.“ Und dieses reine Ich-Empfinden ist immer das Erfahren des gleichen Einen Ich. Es gibt keine zwei, auch wenn das Eine in der Manifestation vielförmig in Erscheinung tritt. Sobald sich an dieses ewige Ein-Ich-Empfinden nun etwas bindet, was sich in mir irgendwie anfühlt und speichert, entsteht das Personseinsempfinden. "Ich Karlchen habe Angst, dass du Lieschen mir zu nahe kommst!“: Diese Spaltung geschieht gemäß der Ersterfahrung im entsprechenden Bereich.

Unser In-Reaktion-Stehen bleibt in der Regel bestehen, bis uns der körperliche Tod ereilt und das Eine Ich nach Hause zurückkehrt: in das Erfahren des Nondualen, was es wirklich ist. Da ist kein Zweiter. Es ist alles die Eine Schöpferkraft, welche in der Vielfalt in Erscheinung tritt.

Advaita beschreibt dies gut, holt den sogenannten Jemand in seinem Verankertsein im persönlichen Fühlen und Denken jedoch nicht ab. Wir brauchen Verständnis für diesen Jemand, ansonsten ist der Schritt ins Einssein in aller Regel zu groß, selbst wenn eine Lehre wie Advaita mental schon erfasst worden ist. Und auch wenn sich die Nichtzweiheit bereits temporär erfährt, gibt es oft eine Kraft, die ins Personsein zurückruft. Das nicht wahrhaben zu wollen führt zu weiterem Leid. Das Blatt wendet sich, wenn wir anschauen, was uns zurückzieht anstatt es zu meiden. Es ist nur das in uns gespeicherte Erfahrenhaben einer bestimmten Situation, für die wir damals keine Auflösung finden konnten. Die nicht aufgelöste Situation, welche wir selbst durchlebten oder welche wir von jemandem übernommen haben, der vor uns war, wirkt in uns und bestimmt unser Leben.

In unserer spirituellen Aufstellungsarbeit helfen wir, diese bindenden Energien aufzuspüren. Und das Erfahren von Einssein wird möglich. Wir begleiten nicht in erster Linie in ein geordnetes Bild der Familie, sondern in das, was dahintersteht. Nur wer in das wahre Zuhausesein zurückfindet, was vor der Zeit seines Seins als Familienmitglied geschah, kann wirklich frei sein. 



Nur wer den Schatten sieht, wird das Licht erfahren können, welches ihn hervorbringt. Wer ihm hingegen ausweicht, wird ihn überall scheinbar wiedererkennen und letztlich auf der Flucht sein vor sich, dem anderen und der Welt im Bestreben, diesem Schatten zu entkommen, der im Außen in aller Regel gar nicht wirklich vorhanden ist.


Jedes kompensierende Streben ist ein Nicht-wahrhaben-Wollen der persönlichen Realität mit ihrer Entstehungsphase. Wenn ich Facetten meines Personseins und deren Geschichte verneine, dann dürfen sie nicht gewesen sein. Etwas, was nicht gewesen sein darf, kann nicht vorübergehen und zur irdischen Vergangenheit werden. So wird diese nicht-fließen-dürfende Energie zu einem immer wiederkehrenden Sich-in-Szene-Setzen des alten, nicht-ganz-sein-dürfenden Erlebens.

Was in der Zeit geschieht, kann sich in der Zeit auch wieder auflösen, ohne dass der Körper vergehen muss. Du bist immer eingeladen, in das Eine Ich, auf welches Advaita verweist, zu erwachen und das scheinbar Viele zu bestaunen.

Je nach Prägungsinhalten – bspw. bei dem Erfahrenhaben von Gewalt – ist es ratsam, behutsam zu schreiten: jeder in seinem Tempo und in dem Rahmen, welcher sich sicher und vertrauensbildend anfühlt.

Die das Einssein Erfahrenden sind mehr geworden: Es sieht so aus, als könnte das Gewahrsein des Einen anstecken. Infiziere dich. Jetzt. Es gibt sowieso kein Entkommen.